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Archive for 2. Oktober 2009

Ich war gestern im Schauspielhaus Hamburg und habe mir mit meinem Politikkurs dieses Stück angesehen: “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?”

Gespielt wird das Stück zum größten Teil von armen Hamburgern, die in einem bunt zusammen gewürfelten Sprechchor über ihre Situation darstellen und dabei sehr viel Emotionen in ihre Texte legen. Vor allem im Prolog werden die Geschichten der einzelnen deutlich: Sucht und Krankheit, eine pleite gegangene Firma, ein laut Gesellschaft unglücklich gewähltes Studium – das alles kann zu Arbeitslosigkeit führen. “Aber wir sind doch Opfer!” “Ich schäme mich nicht!” “Mir ist es peinlich…” “Ich bin stolz, noch nicht verrückt geworden zu sein!” – dies und noch viele mehr, sind Passagen aus dem Prolog, der obwohl die Worte immer neu wiederholt werden zu keinem Zeitpunkt langweilig wird.

Der Hauptteil, nach Peter Weiss, ist verwirrend. Teilweise auch etwas langatmig – ein Theater im Theater und ständig: wer ist wer? So hat es sich zumindest für mich angefühlt. Trotzdem war das Stück immer wieder sehr interessant, belustigend, erschütternd oder auch eklig – als sich eine Frau ihr Fett absaugt um dieses zu…trinken. Im Stück wurde nicht an Nacktheit gespart, wie bei der blöden Misere wird auch hier mit offenen Karten gespielt: Viel Wut, viel Lust, viel Leidenschaft. In all den Dingen.

Der Epilog listete die reichsten Damen und Herren Hamburgs, und mehr oder weniger realistische bzw. absurde Forderungen – einfach aus der über Jahre angesammelten Wut heraus ausgesprochen. “Das Geld ganz abschaffen” – oder so. Zum Schluss gab es zumindest reichlich aufzuräumen in der Aldi/Lidl Gummizelle:

Dann gab es noch zum Schluss eine Diskussion mit dem frischgeduschten Ensemble. Die waren alle wirklich sehr nett – besonders die Herren. Cool und offen haben sie über ihre Situation gebildet, in wunderbarsten Deutsch, da saßen gewiss nicht nur Leute mit Hauptschulabschluss! Die Damen haben sich etwas hineingesteigert, verständlicherweise. Und sind auf viel Verständnis bei uns Zuhörern gestoßen: Besonders bei den Hartz VI Empfängern die sich unter uns gefunden haben. Unteranderem war eine aus meinem Politikkurs Tochter einer Hartz VI Empfängerin – und ehrlich: das hätte ich nicht gedacht! Das Mädchen ist superschlau und hats echt drauf. Sie ist soweit ich sie kenne sehr nett. Und ihren vielleicht etwas abgenutzten Ordner, Rucksack oder Schuhe habe ich eigentlich für einen Teil ihres Stils gehalten, und nicht für ein Anzeichen für Geldmangel. Aber wohl schon: Sie hat einen Nebenjob und finanziert sich all diese Dinge selbst. Da sag ich nur: Hut ab!

Eine der Damen des Ensembles hat sich darüber beschwert, ihre Kinder würden stets viel zu lange duschen und sie immer auf’s neue das Geld den Abluss hinunter rieseln hören lassen – das Mädchen aus meinem Politikkurs konnte mit eigenen Erfahrungen beisteuern: “Meine Mutter klopft auch immer an und sagt ‘Nun ist aber Schluss, weil du bist jetzt sauber!”’ Ich bin echt froh, dass ich immer solange duschen – und baden! – kann wie ich will.


Der Point.

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