Im Wolkenwald

Von den Bäumen fallen Wolken.

Die grüne Farbe der Bank war abgeblättert und das braune Holz zeigte sich bereits an vielen Stellen und so verschwand die kleine Holzbank im Licht des Waldes.

Sie ging den Weg entlang, welcher übersäht war mit bunten Herbstblättern. Ihre hohen Stiefel gingen ihr bis zu den Knien und schützten ihre schmalen Füße vor der aufkommenden Kälte. Der Sommer schien entgültig vorbei.

Sie warf einen kurzen Blick auf ihre Armbanduhr. Natürlich war sie viel zu früh und so zog sie ein hübsches Taschenbuch aus einer gelben Stofftüte. Vorsichtig schlug sie die erste Seite auf und nahm den Kassenzettel aus den Seiten.

Wolken sammeln sich im Wald.

Sie las und las und vergaß dabei die Zeit. Eine Seite löste die andere ab und die Welt flog an ihr vorbei. Einmal zog sie ihren Mantel tiefer über die frierenden Beine bevor sie einen Finger an die Lippen führte um die nächste Seite zu befeuchten. Einmal strich sie sich durch das Haar und ein anderes mal sah sie sogar auf als sie das Rascheln der bunten Herbtblätter unter männlichen Schuhen hörte. Aber sie war geduldig. Schließlich war er viel beschäftigt, es war nicht weiter wunderlich, dass er sich verspätete. Es waren ja auch nur wenige Minuten und sie hatte ja ihr neues Buch, das in einem schönen Himmelblau vor sich hin leuchtete und ihr nochdazu die fantastischste Welt vorstellte, von der sie je gelesen hatte.

Wolken spinnen dichte Netze, undurchdringlich fein.

Sie hatte Tränen in den Augen. Sie legte das Buch beiseite. Es war ein wirklich schönes Buch gewesen, mit einem traumhaften Happy End. Sie mochte Happy Ends und so eines hatte sie sich schonimmer ersehnt. Sie freute sich sehr für das kleine Bauernmädchen mit den goldenen Locken, welches ihr Glück bei einem schönen Jüngling der Stadt gefunden hatte.

Verstohlen wischte sie sich die Tränen aus den Augenwinkeln und schob das Buch in ihre Tüte zurück. Müde stand sie auf. Ihre klammen Finger schob sie tief in ihre Manteltaschen wöhrend sie den Waldweg hinauf und hinab blickte. Sie sah bunte Blätter tanzen, aber ihn sah sie nicht. Er war nicht gekommen. Er war zu spät. Endgültig zu spät. Sie war geduldig gewesen, doch er war zu spät für ihre gerade erst wachsende Liebe.

Unendlich viele Wolken versperren die Sicht.

Sie ging. Ihr Buch ließ sie auf der Bank liegen, so wie sie ihre Hoffnung auf seine Liebe zurück ließ. Sie fühlte sich benebelt und fror. Wieso war es so kalt?

So viele weiße Wolken. Weiß und kalt wie Schnee.

Ist der Winter schon gekommen?

Der Point.

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