Hamburg – Ein Großstadtschungel

Als mein Handywecker klingelte fühlte ich mich leider noch  nicht im Ansatz ausgeschlafen, trotzdem aß ich eine halbe Portion Müsli, schälte mit drei Karotten als Proviant und schulterte den Rucksack, um mich um neun Uhr mit Patrizia und Sabrina am Hauptbahnhof zu treffen. Von dort aus ging es gemeinsam zum „Oh it’s Fresh“ am Sandorkai und schon unterwegs begegneten wir den ersten Marathon-Mitstreitern.

Patrizia und ich waren ja nicht offiziell dabei, also konnten wir ganz in Ruhe schauen, wie die anderen Fotografen ausgerüstet waren und uns darüber wundern, wie wenig Leute in unserem Alter teilnahmen, während sich Sabrina ihre Startnummer an den Rucksack pinnte und den Inhalt ihres Starterbeutels checkte.

Dort wurden wir unteranderem noch einmal an die Regeln erinnert:

  • 12 Stunden, 24 Bilder. Sprich im Durchschnitt eine halbe Stunde pro Foto
  • Das Foto muss sowohl zum Motto „Großstadtdschungel“ als auch zu den einzelnen Unterthemen passen
  • Die Reihenfolge der Themen muss zwingend eingehalten werden und bei Abgabe dürfen nur genau diese 24 Fotos in unbearbeiteten Zustand eingereicht werden
  • Zu bestimmten Uhrzeiten muss man sich an Zwischenstationen einfinden, um sich abstempeln zu lassen und den nächsten Themenblock überreicht zu bekommen

Um zehn Uhr wurden uns noch ein schnelles Gruppenfoto gemacht und dann konnten wir uns die ersten Themenzettel abholen – da haben Patrizia und ich uns natürlich auch welche geschnorrt, damit wir nicht die ganze Zeit über Sabrinas Schulter hängen würden.

Da hatten wir also unsere ersten acht Themen und vier Stunden Zeit. Ein langer und anstrengender Tag lag vor uns, aber wir waren motiviert, die ersten Themen gefielen uns ganz gut und für das erste hatten wir sogar schon DIE Idee, die Sabrinas Startnummer – die 118 – enthalten würde, das war nämlich Pflicht. Patrizia und ich verzichteten auf diese Vorgabe und kümmerten uns einfach darum dran zu bleiben.

Jäger und Sammler, ohne Startnummer
Es nieselte gerade und für jeden neuen Versuch musste ich Patrizia bitten, eine neue Karte von hinten zu nehmen, damit keine Wassertropfen auf dem Bild sind

Expedition

Ich sag euch was: Eine halbe Stunde für ein Foto ist an sich ja ganz schön viel. Wenn du dich aber an ein Thema halten musst, dass du irgendwie auch möglichst originell umsetzen willst, deine Kreativität aber gerade Pause macht, dann ist es doch ganz schön schwer. Noch dazu ist es wenig motivierend, nachdem man sich endlich mit einem – vielleicht nur mittelmäßigen – Motiv abgefunden hat, einen Haufen anderer Mitstreiter zu begegnen, die genau das Gleiche wie du vor die Linse nehmen.

Trampelpfade

Baumhaus

Und weil du dich natürlich trotz inoffizieller Teilnahme an die Regeln halten willst, sprich z.B. an die Reihenfolge, kommt für den Fall, dass du DEM Motiv für ein bestimmtes Thema begegnest, aber vorher noch ein anderes fotografieren musst, noch eine ordentliche Portion Frustration hinzu.

Kahlschlag
Diesen Gebäudeabriss haben noch mindestens drei andere Mitstreiter fotografiert…

Kletterpflanze

Jedenfalls, wo wir schon bei „an die Regeln halten“ sind, das ist auch der Grund warum hier jetzt das ganze unbearbeitete Gedöhns hier zu finden ist. Ich habe zwar im RAW-Format fotografiert, aber hier bis auf etwas Zuschneiden gar nichts gedreht. Wenn ihr allerdings auf die Bilder klickt gelangt ihr zu einer schwarz-weiß Version auf Flickr. Bei manchen passt Farbe zwar besser, aber das Schwarz-Weiß das Ganze auch als Bilderserie stimmiger werden und so einen Vergleich zu haben ist ja auch nicht schlecht.

Orientierungslos
Man hat uns mit einem Kopfschütteln oder einem breiten Grinsen bedacht, so wie wir da standen und uns den Stadtplan ins Gesicht wehen ließen

Urwaldriese

Gut in der Zeit liegend schafften wir es noch vor 14 Uhr am zweiten Treffpunkt zu sein. Dort wurden wir mit ekligen Gummitieren versorgt, ich genoss es ein paar Minuten zu sitzen und dann bekamen wir auch schon den zweiten Themenzettel, der uns weitaus weniger beeindruckte.

Überleben

Schatzkarte

Spurensuche

Zu Beginn war ich noch halbwegs motiviert, aber nachdem ich voller Einsatz auf einer kleinen Verkehrsinsel mit den Händen Erde umgegraben habe und meine Finger dann müde nach vorbeifahrenden Autos ausstreckte… und dann ein unfokussiertes Foto und mit Sicherheit viele gedachte „Ist die verrückt“s erntete verging mir das ganz schön schnell. Meine „Schatzkarte“ ist eine Speisekarte, eine Idee und ein Motiv, dreist von Sabrina abgeguckt und mein frisch fallen gelassener Zigarettenstummel mit einem Häufchen Asche daneben wehte mir weg, bevor ich auf den Auslöser drücken konnte, so dass ich damit endete für die „Spurensuche“ auf der Reeperbahn Scherben zu fotografieren. Wie kommen die da eigentlich hin, ich dachte Glas ist da nicht erlaubt?

Eingeborener
Und da seht ihr auch mein Rauchzeichen davon schwimmen…

Rauchzeichen

Mein „Rauchzeichen“ stand ebenfalls nicht unter einem guten Stern, denn das Dampfboot fuhr mir davon, weil ich erst noch „Eingeborene“ fotografieren musste, und das Herr mit der Zigarette war nicht für ein Foto zu haben – nur das „Rauchen verboten“-Schild in der U-Bahn lief nicht davon.

Zivilisation

Geheimnisvoll

Tarzan und Jane

Na toll! So zog sich das durch den gesamten zweiten Themenblock und ich hoffte einfach nur, dass der dritte mit wieder mehr Inspiration liefern würde, denn mittlerweile hatte sich dieser Marathon für mich schon ziemlich gegessen.

Buschtrommeln

Quelle

Nachtaktiv

Paradies

Unberührt

Tanz ums Feuer

Wilde Tiere
Diesen kleinen Partydrachen, hab ich in Thailand von meinem großen Bruder geschenkt bekommen

Probiers mal mit Gemütlichkeit

Nun ja, diese Hoffnung wurde nicht wirklich erfüllt. Mir war das Ganze mittlerweile recht egal und ich hakte die Themen, mit Unterbrechungen durch „Modelmitwirkung“ an Sabrinas Fotos, einfach ab ohne großartig weiter zu überlegen. Zwischendurch verlor ich das Motto „Großstadtdschungel“ in Planten un Blomen gar ganz aus den Augen, aber trotzdem war das wohl die angenehmste Stunde dieses Themenblocks.

Irgendwie wurden wir zum Glück fertig, so dass wir den Abend bei einem unglaublich leckeren Flammkuchen und einem angenehmen Gespräch mit einer anderen Mitstreiterin ausklingen lassen konnten.

Auch wenn 2/3 der Erzählung jetzt nicht so spaßig klang, möchte ich doch betonen, dass es eine wirklich interessante Erfahrung war! Es war eine neue Herausforderung die auch Spaß gemacht hat. Ich bin mit den meisten Fotos überhaupt nicht zufrieden, aber das ist jetzt auch nicht so schlimm… denn ich war – wenn auch inoffiziell – dabei. Habe meine 24 Fotos in 12 Stunden gemacht – im Gegensatz zu ein paar anderen (offiziellen) Teilnehmern, die es leider nicht ins Ziel geschafft haben. Ich muss sagen, ich würde so einen Marathon niemals komplett alleine machen, das wäre vor allem in den unkreativen Phasen unglaublich langweilig. Aber in einer kleinen Gruppe, wovon nur eine „ernsthafte“ Teilnehmerin ist, zu sein hat auch seine Tücken. Vielleicht hätte ich mir mehr Mühe gegeben, wenn ich richtig teilgenommen hätte, hätte ein wenig unabhängiger gearbeitet, hätte mich vielleicht auch eher dazu bewegen können Passanten anzusprechen. So lief es jedenfalls oft darauf hinaus, dass wir Sabrina viel in ihren Themen unterstützt haben und selbst dann auch mal mit einem abgeguckten Motiv endeten, damit es dann auch weiter gehen konnte. Aber es hat trotzdem viel Spaß gemacht.

Fürs den nächsten Fotomarathon bin ich ein bisschen schlauer und vielleicht etwas angestrengter dabei meine eigene Ideenkiste mehr anzukurbeln. Wenn sich dann noch jemand findet, der mit kommt, könnte ich mir auch gut vorstellen noch einmal mitzumachen. Egal ob „richtig“ oder so „inoffiziell“ wie diesmal. Bis dahin ist es aber zum Glück noch mindestens ein Jahr hin, denn meine verspannten Schultern und der Muskelkater in meinen Beinen sind immer noch nicht auskuriert – und vielleicht würden meine Füße bei mehr als zwanzig Schritten hintereinander auch wieder anfangen weh zu tun.

Ein paar Fotos die an diesem Tag so nebenbei entstanden sind werden auch noch folgen :)

16 Gedanken zu „Hamburg – Ein Großstadtschungel

  1. Pingback: Meine Fotomarathon Hamburg Großstadtdschungel Querdenker-Bilder » Blog der Fotolehrlinge

  2. Na also! Das ist doch prima und flüssig geschrieben. Hat sich sehr gut gelesen :)

    Und ich finde, dass viele deiner Fotos wirklich schön geworden sind. Das habe ich ja vor Ort gar nicht so richtig mitbekommen. Die Lichtstimmung bei ‚Nachtaktiv‘ ist klasse.

    Und dein Startfoto ist auch wirklich stimmungsvoll :)

    Oh und dein Drache. Musste ich gleich an die Tarzan und Jane Puppen Gruppe denken :D

  3. buschtrommel, paradies, wilde tiere und probiers mal mit gemütlichkeit sind meine top-favoriten. da sind ja einige wirklich sehenswerte bilder rausgekommen. und ja, so ein fotomarathon ist wahnsinnig anstrengend, aber auch wirklich toll!
    warum hast du denn nicht offiziell teilgenommen?

    • Ich wollte nicht so viel investieren für ein Ergebnis, das mit am Ende nicht gefällt. Es hätte ja 27 Euro Startgebühr gekostet (die ich ggf. verloren hätte falls ich z.B. krank geworden wäre), ich hätte meinen Laptop mitschleppen müssen, um die überflüssigen Bilder zu sichern (denn zu löschen hätte ich nicht übers Herz gebracht, auch wenn jetzt im Rücklick nicht viele gute Fotos außerhalb des Marathons entstanden sind) und ich hätte entweder in JPG+RAW fotografieren müssen (Speicherplatz- und Geschwindigkeitsproblem) oder eben nur in JPG (dann aber ggf. keine umfangreiche Bearbeitung möglich), weil das Einsendeformat nur in JPG zugelassen war… das waren mir zu viel dafür, dass ich mir keinerlei Gewinnchancen ausgerechnet habe.

  4. Ich finde die Idee des Marathons unglaublich inspirierend. Eine wirklich schöne Idee, auch schön, dass du – zumindest inoffiziell ^^ – mitgemacht hast. Besonders gut gefallen mir Foto Nr. 1 (schöner Unschärfeeffekt), Foto Nr. 6 (sehr kreative Umsetzung), Nr. 7 (lustiges Motiv, wirkt dank den vorbeigleitenden Menschenmassen – die ja irgendwie orientiert wirken – auch schön konstrastiert), Nr. 9 (ich finde das Foto in Kombination mit dem Titel spannend), Nr. 10 (auch kreativ), Nr. 12 (sieht im Farb- und Schärfekontrast zur Möwe echt klasse aus, atmosphärisch!), Nr. 14 (schöne Biegung :D), Nr. 15 (Titel passt…), Nr. 17 (S/W passt prima zum Schatteneffekt, stimmungsvoll) und Nr. 24 & 25 (fantastisches Licht, schöne Farben).

    Also, wie du siehst, finde ich, dass du ’n guten Job gemacht hast. :)

  5. Vielen Dank für Deinen Blog! Es macht Spass, den Tag so nochmals zu durchleben. Meine Favoriten bei Deinen Bildern sind: Eingeborener, Tarzan und Jane und Tanz ums Feuer! Das mit Deinen Beinen kann ich nachvollziehen – meine Füsse haben mehrere Tage gestreikt…

    Du täuschst Dich natürlich, es geht kein Jahr mehr, bis zum nächsten Marathon – Berlin, München, etc. haben ja auch einen. Es macht riesig Spass eine fremde Stadt auf diese Weise zu entdecken.

    Es ist eine schwierige Entscheidung, für einmal nur in jpg (ohne raw) und ohne jede Bearbeitung zu fotografieren – aber es zwingt einen auch, zwischen vielen Bildern sich für je eines zu entscheiden. Ich habe mir z.B. auch angewöhnt manchmal ohne Blitz oder mit einem einzigen Objektiv auf Objektsuche zu gehen – und siehe da, die Fotos werden nicht schlechter, höchstens anders!

    Viel Spass weiterhin und hoffentlich bis zum nächsten Fotomarathon!

    • Meinen Blitz benutze ich nur überaus selten, aber ich weiß was du meinst. Ich ziehe auch öfters nur mit einem Objektiv los, es zwingt einen anders zu gucken, wenn man nicht mehr alle Möglichkeiten hat.

      Als arme Bald-Studentin habe ich leider kein Geld, um zusätzlich zur Teilnahmegebühr noch Anfahrt und Unterkunft in einer soweit entfernten Stadt zu zahlen. Da warte ich lieber noch ein Jahr und kann in Hamburg mein Semesterticket vorzeigen.

      Übrigens – es freut mich sehr und ich bin überrascht, dass Tarzan&Jane so gut ankommen bei dir! Das war ein absolutes Notlösungsbild, weil ich meiner teilnehmenden Freundin so hinterher hing, sie aber ja endlich zur nächsten Station wollte. Da habe ich dann vor dem Einsteigen in die Bahn schnell abgeknipst. – Aber tatsächlich gefällt es mir auch mit jedem Mal angucken besser als die frustrierende Notlösung, als das ich es zuerst betrachtet habe :)

  6. Boah, das sind echt mal Hammerbilder! EINEN Favoriten kann ich da nicht rauspicken… Apropos rauspicken, vielleicht doch: die Möwe im Hafen über der Elbe. Saugut!

  7. Pingback: Hamburg Fotomarathon - World of Gadgets

  8. Endlich habe ich es geschafft, alle Einträge hier nachzuholen, die ich während meiner Pc-losen Zeit verpasst hatte. Ganz schön viele aber es hat sich gelohnt, weil ich deine Fotos einfach so toll und inspirierend finde.

    Mein Foto-Marathon ist nun schon 10 Monate her und jedes Mal, wenn ich Bilder von anderen solchen Veranstaltungen sehe, bekomme ich doch irgendwie wieder Lust. Vor allem, weil ich weiß, was ich diesmal besser machen würde. Ich hoffe, dass Hannover auch diesen Mai wieder einen Foto-Marathon veranstaltet.

    Deine Fotos finde ich übrigens super. Besonders der dritte Block sieht alles andere als unbearbeitet aus. Da fällt auf, wie entscheidend das Licht für ein gutes Foto ist und wie wenig man eigentlich nachbearbeiten muss, wenn das Licht von Anfang an interessant ist.

  9. Pingback: Fotomarathon 2013 und anderes | Nuss & Point

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