Kafka und die Musterung

Definition „kafkaesk“: „Das Adjektiv kafkaesk (nach dem Schriftsteller Franz Kafka) bezeichnet ein unheimliches Gefühl dunkler Ungewissheit, einer rätselhaften unkonkreten Bedrohung, eines Ausgeliefertseins gegenüber schemenhaften dunklen Mächten.“ (Quelle: http://de.wikipedia.org)

Josef K. sieht sich einem Prozess gegenübergestellt, der für ihn ungewiss scheint. Ungreifbare Mächte scheinen sein Schicksal in den Händen zu halten. Er selbst lässt sich auf diesen Prozess ein, nicht ohne Gegenwehr jedoch.

Mensch, das Buch war die erregende Musik zu einem spannenden Film. Es begleitete mich nämlich bei meiner neuen Lebenserfahrung: Der gemeinen Musterung!

In aller Frühe zum besonderen Morgenappell an das Kreiswehrersatzamt sollte es also gehen.  Das fiel leicht, denn ich war schon vor aller Frühe aktiv, genauer gesagt ab halb fünf! Verdammt, das war böse, man musste sich zu diesem Zeitpunkt nur einmal meine Augen ansehen, die bösartig rot durchzogen waren. Auch meine Haare erlebten keine Schonung, noch ziemlich nass wurden sie dem morgendlichen Regionalsturm ausgesetzt. Glücklicherweise musste ich zu meiner Stelle nicht laufen, sondern durfte den Zug nutzen.

Als verfrühtes Etwas war ich dann auch die erste Person im Wartezimmer, das sich als eine Werbekammer für’s Militär herausstellte, aber gut, was hätte ich sonst erwarten sollen? An den Tischen konnte man sich etwa bereits mit ein wenig Lesen in Stimmung bringen: „Krieg im Comic“ oder so. Dann lieber Kafka raus und losgelesen, schließlich musste ich meine Hausaufgabenmoral wie geplant gnadenlos durchsetzen.

Schon bald fanden sich auch weitere Opfer ein und verteilten sich mehr oder weniger gleichmäßig im Raum, um zu warten, so fanden auch die tollen Kriegsheftchen ihre Abnehmer. Draußen war es immer noch dunkel und nass und auch das Buch brachte kein Licht in die Angelegenheit. Das stört mich jedoch nicht im Geringsten, denn ich mag das: Dunkel und dann noch skurril. Also…eigentlich, in der aktuellen Lage war es nicht unbedingt nervenschonend.

Das folgende Prozedere möchte ich dem Leser dann auch ersparen, denn es war die typisch monoton gestaltete Bürokratenwelt in Reinform. Keine Sympathien, dafür klare Anweisungen in geradezu klinischer Atmosphäre. Ich mittendrin und ziemlich verplant. Wie viel Schuld das wirre Buch, meine komplizierte Packordnung in der mitgebrachten Tasche oder schlichtweg mein Charakter daran hatten lasse ich an der Stelle einmal unbeantwortet. Man mag es sich selbst zusammenreimen.

Jedenfalls waren ungefähr 70% der Prozedur überflüssig, denn ich war schlichtweg zu mager und damit ganz klar ungeeignet für den Dienst. Wunderbar! Denn sonst hätte ich den verhassten Wehrdienst nur durch ein argumentatives Schreiben dem Zivildienst weichen lassen können, so blieb mir das erspart, allerdings auch der Zivildienst, den ich ja eigentlich schon leisten wollte.

Stattdessen soll es bei mir nun ein Freiwilliges Soziales Jahr (auch als „FSJ“ bekannt) werden, denn das kann mir sicher nicht schaden und kommt garantiert auch gut an. Oder findet ihr, dass es nicht von ungeheurer Tugendhaftigkeit zeugt, wenn man trotz geschenkter Freiheit seinen Dienst für die Gesellschaft leisten möchte?

Cut: Gut, das dürfte der Klimax gewesen sein und damit das Ende dieses Eintrags, ich kehre von der Gesellschaft zur Zettelwirtschaft zurück und lege Hand an Physik, diese unkonkrete und rätselhafte Bedrohung.

Die Nuss

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